Stordalens Havn

Grönland - in den Fjorden des Südens


1. Auf Spuren der Wikinger: von Herjolfsnes ins Klosterdalen

Das Meer hat sie sich schon fast geholt, die Südmauer der Kirchenruine von Herjolfsnes ist angenagt. Aber die einen Meter hohen Steinwälle zeigen noch klar den Grundriss, eingeschmiegt zwischen sichelförmigen Sandstränden. Strandhafer wiegt sich über Tundra, Mücken schwirren, und der Blick in die Ferne kann sich nicht entscheiden zwischen den mächtigen Eisbergen und den Steilwänden des Küstengebirges. Mit ihrem Enkel durchstreift ein Inuitpaar das Gelände, auch sie sind berührt von der Geschichte dieses besonderen Ortes. Dann besteigen sie ihr Boot und fahren zurück über den Fjord nach Narsaq Kujaleq. Diese kleine Siedlung heißt auch Narsarmijit oder dänisch Fredriksdal, Herrnhuter Missionare gründeten sie 1824, nach 1900 zogen dann Inuit von der Ostküste dazu. Heute leben dort nur noch hundert Menschen, die Lebensbedingungen in Grönlands abgelegenen Südenfjorden sind schwierig geworden. Mit Linienbooten sind die Siedlungen nicht mehr erreichbar, diese regelmäßige Anbindung fiel einem Privatisierungsversuch zum Opfer. Am Vormittag hatte uns ein spektakulärer Hubschrauber-Linienflug von der Provinzhauptstadt Nanortalik bis nach Narsaq Kujalleq gebracht. Dort haben wir nach einem ein Boot gefragt, die Kirche besichtigt, letzte Einkäufe getätigt. Die sommerliche Ruhe wurde nur vom Sirren der Mücken begleitet, sonst war im Ort war nicht viel los. Gestern war der letzte Dienstag im Monat, payday, und das wurde offensichtlich begossen. Ein Jäger brachte eine Robbe an Land und nahm sie am Hafen aus, plötzlich stürmte eine muntere Kinderschar den Hafenkai und gab sich in Neopren einem eisigen Badevergnügen hin.
Narsaq Kujaleq
Nun stehen wir allein zwischen den Wikingerruinen. 985 erreichten hier die Schiffe von Erik dem Roten das neu entdeckte grüne Land, Herjólfr Bárðarson gründete einen Handelsposten und betrieb Landwirtschaft. Auch die letzten Spuren der Nordmänner wurden in Herjolfsnes gefunden, Kleidungsstücke aus dem Friedhof konnten auf 1500 datiert werden.
1) Wir schultern unsere mächtigen Rucksäcke und wandern gemütlich nach Westen. Nachdem wir eine mit Eisbergen zugeparkte Bucht passiert haben, erreichen wir ein Seitental und schlagen abends unser erstes Lager auf. Von hier wollen wir ins Landesinnere ziehen, tief im Tasermiutfjord und dicht am Inlandeis liegen dort Klosterruinen aus der Normannenzeit. Über einige unbekannte Pässe im Gebirge wollen wir eine Fußverbindung herstellen. Eigentlich ein unsinniges Unterfangen, denn sowohl Wikinger als auch heute die Inuit würden solche Strecken immer im Boot zurücklegen. Doch das Verschwinden der Wikinger aus Grönland ist ein Mysterium: lange hatten sie Kontakt nach Europa gehalten, Kirchensteuern nach Rom bezahlt und weltliche nach Norwegen. Eine Hochzeitsurkunde von 1408 erreichte noch den Vatikan, dann gab es keinen Kontakt mehr. Die „kleine Eiszeit“ wird die Bedingungen für Landwirtschaft verschlechtert haben, hatten sie dann keine Boote mehr um untereinander Kontakt zu halten und nach Europa zurückzukehren? Vielleicht gab es ja doch Versuche, zu Fuß wenigstens den südlichsten Siedlungspunkt Herjolfsnes zu erreichen.
Herjolfsnes
2) Schon am folgenden Tag erreichen wir die erste Schlüsselstelle unserer Route. Über einem türkisenen Eissee stapfen wir mit Steigeisen ein Schneecouloir hinauf, kurz vor dem Pass ist es leider unterbrochen. Die freigelegten Felsen sind an sich einfach, aber völlig labil geschichtet und mit Sand überzogen. Mit Nahrung für knapp drei Wochen im Rucksack keine lustige Sache, die ausgelösten Steine donnern bis hinunter auf den Eissee. Vom Pass haben wir dann einen letzten Blick auf die Küste, die Siedlung ist hinter der Bergkette verdeckt, aber die Eisberge kommen uns bekannt vor. Der Abstieg sieht erst einmal gut aus, ein wieder steiles Couloir führt im Trittschnee direkt auf einen blauen spaltenlosen Gletscherfleck hinunter. Über dessen blankes Eis läuft es sich prima und so stehen wir schnell vor der nächsten problematischen Stelle. Auf den Satellitenbildern von google earth war die folgende Steilstufe mit Schnee bedeckt und eingeebnet, jetzt sind hier steile Granitplatten und brüchige Felsstufen. Wir finden eine Schneerinne die hinunterführt, aber der Einstieg in vereistem und zersplittertem Fels ist sehr heikel. Unten wird der wenige Schnee weich, wir wühlen uns durch den üblichen Schotter hinab in den Talgrund, wo wir auf dem ersten Grasfleck das Zelt aufbauen. Abends verziehen sich dann noch die hohen Wolken, und im warmen Licht nehmen wir die Dramatik der Granitberge, durch die wir heute unsere Route gesucht haben, erstmals richtig wahr.
im Kugssuatsiaq
Pass zwischen Kugssuatsiaq und Amitsuarssuk
3) Das Routenfinden geht weiter, der Aufstieg zum nächsten Pass war auf Satellitenbildern noch gut erkennbar. Im Zickzack führt ein relativ einfach zu laufendes Grasband durch felsiges Steilgelände hinauf, doch den folgenden Abstieg hatte ich wieder unterschätzt. Nasse Granitplatten brechen steil ab und versperren den Weg hinunter zu einem großen See. Wir steigen wieder auf und deponieren die Rucksäcke, aber auch der zweite Versuch endet in steilen Felsen mit Tiefblick auf den See. Erst nach einem weiteren Aufstieg finden wir schließlich einen Gelände-Rücken über dessen Granitschliff wir absteigen können. Den See können wir gut passieren, eine Steilstufe mit Wasserfall wirkte von oben schwierig, aus der Nähe war sie dann ganz einfach zu überklettern. Wir erreichen ein großes, flaches Tal mit herrlichem Tundraboden, endlich leichtes Gelände. Bald schon steigen wir wieder auf, ein weißer Hase begrüßt uns auf seinem Seenplateau. Und abends erreichen wir eine kleine Kuppe über Tasiusaq, einer Bucht am Tasermiutfjord. Das gleichnamige 60-Seelen-Dorf liegt gegenüber, etwas weiter weg die Schafsfarm Saputit, zu der sogar ein planierter Traktorweg führt. Doch es ist nur ein kurzer Blick in die Zivilisation, wir wollen weiter unseren Weg durch die Berge suchen.
Tasiusaq - Tasermiut
Foto
Kirkespiret - Tasermiut
4) In der Nacht sind Küstennebel den Fjord hinaufgezogen, wir steigen auf Verdacht hinauf und erreichen so die Sonne. Heute lassen wir das Zelt stehen und wollen versuchen, einen Gipfel zu erreichen. Eine vage Sache, eigentlich sind das hier reine Kletterberge, steil und abweisend. Doch mittags stapfen wir im aufgeweichten Schnee ein steiles Couloir hinauf und erreichen den namenlosen Gipfel P 1297. Oben ein unglaublicher Blick, weit draußen das offene Meer mit Eisbergen und Schären. Auch sonst ein Meer von Bergen, zackige Granitgrate, steile Plattenfluchten und zerrissene Gletscher. Ein grünes Band führt hindurch, das „große Tal“ Itillersuaq. An seinem Ende schimmern die Eisberge des nächsten Fjordes - und eine Sandbucht, Stordalens Havn, unser Ziel für morgen.
Stordalen Itillersuaq
5) Im Tal und von unten betrachtet sind die Berge dann nicht minder eindrucksvoll, rechts wild gezackte Granitgrate, kilometerlang, wie im Mont-Blanc-Massiv. Links glatte Granitwände von deutlich über 1000m Höhe, die an Yosemite erinnern. Doch hier gibt es keine Kletterer und auch sonst keine Touristen, nicht einmal Pfade. An einigen wenigen Stellen finden wir dann doch Trampelpfade und Hufspuren, wir glauben trotz der merkwürdigen Form und Größe an Rentiere. Als wir dann in die idyllische Seitenbucht von Strordalens Havn eintrudeln, sehen wir unsere Rentiere. Es sind fünf Islandpferde, schon vor Jahren ausgebüxt leben sie hier nun wild und frei. Zwei Schafe trollen sich davon als wir uns nähern, hier sind Menschen ungewohnt, doch im Herbst finden sie den Weg zurück zur Farm. Die Pferde blicken nur kurz auf und lassen sich sonst nicht weiter stören, sie waren schon länger nicht beim Friseur. Die schöne Wiese überlassen wir ihnen, wir furten den Gletscherfluss und finden ein winziges Fleckchen direkt an einer Quelle. Ein fantastischer Zeltplatz - aber gegen alle Regeln: direkt am Gletscherfluss, ein paar Zentimeter oberhalb der Flutkante eines Fjordes, auf dem Eisberge treiben. Wir stören uns nicht daran und genießen einfach nur, denn morgen wartet der nächste schwere Übergang auf dem Weg in das nördliche Quertal.
Stordalens Havn
Stordalens Havn
6) Zunächst steigen wir noch moderat am Flussrand über Moränengelände an und erreichen so eine Sanderfläche, auf der mit Moosen und dem arktischen Weidenröschen neue Vegetation am entstehen ist. Die Berge stecken noch im Nebel, Gletscherzungen und wüste Geröllkare hängen über uns. Nach einigem Navigieren mit GPS und Kompass balancieren wir über steile Blöcke hinauf, später können wir auf Granitplatten ausweichen und steigen einen harten Firnhang hinauf auf den gesuchten Pass. Die Nebel haben sich längst verzogen und den Blick auf bekannte und neue Berge frei gegeben. Wieder Genuss pur - bis es an den Abstieg auf der anderen Seite geht. Zwei Couloirs scheinen von oben ungangbar. Schließlich klettere ich ohne Rucksack über zwar festen, aber doch ziemlich schwierigen Fels hinunter. Zuletzt springe ich auf ein Firnfeld. Nur im Unterhemd stehe ich auf dem Firn und fühle mich unendlich einsam, von meiner Frau und dem Gepäck durch eine 100m hohe Felswand getrennt. Haben wir uns verrannt und müssen, mal wieder in Grönland, einen langen Weg zurück gehen? Jetzt fehlt uns doch Klettermaterial. Ich quere das Firnfeld und suche einen besseren Abstieg, aber über mir brechen die roten Granitwände senkrecht und überhängend vom Pass in die Tiefe. Den Übergang zurück vom Firn auf den glatt polierten Fels schaffe ich so gerade, aber dann finden wir eine etwas einfachere Route durch die Felswand. In Einzelteilen bringen wir unsere Ausrüstung nun hinunter, lassen die großen Rucksäcke an einer dünnen Reepschnur über eine steile Kletterstelle hinunter. Insgesamt gehe ich die ganze Strecke fünf Mal, die Sonne brennt in das Gletscherbecken, der Granit heizt sich auf, wir sind ausgedörrt. Aber nach zweieinhalb Stunden haben wir es geschafft und rutschen über das Firnfeld zum nächsten Rinnsal. Und nach einigen weiteren Stunden, sehr mühsam über große Blöcke, stolpern wir auf die Wiesen am See eines kleinen Seitentals. Dieses Tal wird uns morgen hinunter an den Fjord führen, in der Verlängerung überblicken wir den Prinz Christian Sund, ein langer Fjord, der die ganze Südspitze Grönlands durchschneidet.
Foto
Tuvilissuaq
Rückblick vom Pass auf Alleruusakasit und ins Stordalen
Issortusut-Valley
7) Während wir am Fjord auf Blasentang um die Felsen schlüpfen, beschert uns der Morgennebel wieder ein fantastisches Spiel. Immer mehr und immer größere Eisberge tauchen auf, plötzlich schauen aus der Nebeldecke 2000m hohe Granitriesen herunter. Schon weit in der Bucht Kangerluk kommt dann ein kleines Motorboot, zwei Inuit-Fischer aus dem nahen Aappilattoq kontrollieren ein Stellnetz. Sie haben Lachs gefangen, für uns die ersten Menschen nach einer Woche Einsamkeit. Auch sie haben nicht mit Gästen gerechnet, nur ganz langsam beginnt die Scheu zu weichen, doch als wir weiter ziehen, haben wir zwei dicke Fische im Rucksack. Später stoßen wir auf eine frische Feuerstelle, hier wurde ein Hase verzehrt. Wir finden nun immer wieder die Fußspuren eines einsamen Jägers und kommen schnell voran. Abends kündigt starker Wind einen Wetterwechsel an. Auf dem Pass gibt es keine Zeltmöglichkeit, so müssen wir noch weiter ins Quingeq Kujalleq absteigen, wo wir endlich das Festmahl mit geschmortem Lachs genießen können.
Ilua-Fjord
Ilua-Fjord
Kangerluk
Kangerluk
8) Die weiter von der Küste entfernten und durch die hohen Berge geschützten Täler Südgrönlands sind berühmt und berüchtigt für ihre Vegetation. Im Qingeq Kujalleq lernen wir das erste Mal kennen, was bushwhacking hier bedeutet. Weiden und Birken bilden einen dichten Verhau, zwei bis drei Meter hoch. Einfach zur Seite biegen und durchlaufen ist nicht - die Äste und Stämme sind robust, krumm und wild ineinander verwachsen. Wenn man sich oben Luft verschafft hat, hängt unten garantiert der Fuß fest. Oder das Schienbein schlägt gegen ein spitzes Astauge, während ein zurückschnellender Zweig das Gesicht trifft. Wir wechseln die Flussseite, suchen freieres Gelände, die Spuren des Jägers haben wir längst verloren. Mittags erreichen wir verschwitzt, zerstochen und zerkratzt den großen See Tasersuaq. Am Ufer gegenüber ein Zeltlager, vier Kajaks werden gerade zu Wasser gelassen. Wir krabbeln über große Steine und durch Büsche auf einen schönen Kiesstrand, hier hat gerade der Schafsfarmer von Saputit Tasia drei dänische Angler abgesetzt. Riesige Lebensmitteltonnen verraten doch eher mäßiges Zutrauen ins Anglergeschick - oder ist das nur ein bisschen Neid auf deutlich komfortableres Outdoorleben? Nach einem ausgiebigen Plausch biegen wir ins große Quinnguadalen auf eine bekanntere Trekkingroute ab. Auf die Wikingerruinen stoßen wir nicht, unübersehbar sind die Bäume - und berühmt! Lange galten die bis 7m hohen Birken und Weiden als der einzige natürliche Wald in Grönland, unsere Freude daran ist gedämpft, denn vor uns liegen viele Kilometer bushwhacking. Es gab einmal Überlegungen, das Trekking im Quinnguadalen zu reglementieren, um die Vegetation zu schützen. Die zeigt, dass sie mit den wenigen Fußgängern bestens klar kommt, die spärlichen Pfadspuren verlieren sich schnell. Doch wir finden immer mal ein kurzes gestrüpploses Sumpftal, das uns weiter bringt. Ab und an auch den spärlich bewachsenen Kies eines Altarms des mäandrierenden Flusses - und manchmal sogar eine richtige Blumenwiese. Da müssen wir dann schon einräumen, dass es hier eigentlich ganz schön ist. Immer wieder aber fast undurchdringliches Gestrüpp. Auf der Suche nach gehbarem Gelände wechseln wir die Richtungen, werden abgedrängt und machen akrobatische Übungen am Prallhang des unter uns wild schäumenden Flusses.
Quinnguadalen
9) Am zweiten Tag im Tal verschärft sich die Situation. Regen hat das Buschwerk noch unangenehmer gemacht, und wir lernen die beiden Steigerungsformen von bushwhacking kennen:
1. bushwhacking über großen Blöcken. Die sind mit Moos bewachsen, von den Füßen sieht man eh nichts, und die Löcher zwischen den Steinen erst recht nicht. So versucht man auf den Büschen von Astgabeln zu Astgabel zu kommen. Baumkronenpfad ohne Pfad in 1m Höhe.
2. bushwhacking über großen Blöcken, die in Wasser stehen. Das ist sogar an einem Steilhang möglich, den ein Seitengletscher in früheren Zeiten ins Tal geschoben hat und über den nun in breiter Front Schmelzwasser rinnt. Aber als wir oben auf dieser Moräne sind, liegen Busch und Wald hinter uns. Zwischen Felsstürzen und Sumpf ist ein schöner See, seine Ufer leider nicht erreichbar. Aber wir finden einen passablen Zeltplatz, machen einen halben Tag Pause und trocknen unsere Sachen.
der See im oberen Quinnguadalen
oberes Quinnguadal
namenlose Berg im Quinnguadal
10) Die Morgensonne vertreibt die letzten Wolken, nach und nach kommen die Berge um uns zum Vorschein, imposante bigwalls und zerrissene Gletscher. Im Blockgelände fühlen wir uns wieder wohl, bald ist der Pass erreicht und ein grünes Tal mit nur kniehohem Gestrüpp führt hinab zum Fjord-Ende am Kangikitsoq. Hier konkurrieren 70m hohe Erdpyramiden mit gestrandeten Eisbergen um Aufmerksamkeit, ein glaziologisches Phänomen? Im Tal Tupaassat finden wir gleich die nächste Merkwürdigkeit: an einer Felsplatte sind etliche Quadratmeter Tundraboden umgeschlagen, als hätte jemand einen schweren Teppich beiseite gelegt. Phänomenal auch der See Drepanocladus Dam, aufgestaut von kantigen Felsbrocken. Über seinem türkisenen Wasser drängt sich hinten im Tal ein etwas runderer Berg auf, die Karte zeigt, dass aus dem östlichen Seitental ein Aufstieg möglich sein könnte. Aber dazu müssten wir den reißenden Fluss queren. Wir laufen erstmal weiter und erreichen abends einen großen See. Auch er ist von Blöcken aufgestaut. Über diesen Damm krabbelnd und kletternd erreichen wir trocken die andere Flussseite.
Abstieg zum Kangikitsoq
Drepanocladus Dam und P 1458
namenloser Berg über Tupaassat
11) Der Aufstieg auf P 1458 ist nicht schön, lange Zeit sehr steiles Geröll. Aber die Ausblicke sind unglaublich. Tief unter uns im Tal die leuchtenden Seen, dann die Eisberge im Fjord, der den Blick weiter leitet in die wild zerklüftete Fjord- und Bergwelt der Südspitze Grönlands. Im Westen ein Meer von Granit-Zinnen und Türmen, lange Grate verbinden Felsmonolithen von 2000m Höhe. Richtung Osten reiht sich Gletscher an Gletscher, das Inlandeis schimmert zwischen den Bergen hindurch. Oben müssen wir ein bisschen klettern, einfach aber exponiert. Der Fels ist zentimeterdick mit harten Flechten überzogen, schrubbend erreichen wir den Zwillingsgipfel. Oben verraten drei weniger bewachsene Steine auf dem Gipfelblock, dass vor langer Zeit schon mal jemand hier war. Der nur ein paar Meter höhere Hauptgipfel bleibt uns versagt, hier wäre ein Abseilmanöver in eine steile Scharte erforderlich. Beim Abstieg kündigen einige Zirren am strahlend blauen Himmel einen erneuten Wetterwechsel an.
Kangikitsoq-Fjord und Tupaassat von P1458
Tupaassat und See 146 von P1458
P 1458, namenlose Berge über Tupaassat
namenlose Berge über Tupaassat
Gletscher im Seitental von Tupaassat
P 2065 und P 2106
12) Nach anhaltendem Regen laufen wir erst nachmittags weiter und bald stecken wir auch im Nebel fest. Nur mit Mühen finden wir zwischen den Steinen einen Platz für unser Zelt. Den Hängegletscher darüber entdecken wir erst morgens.
Hängegletscher, Tupaassat
13) Auch heute bleibt der Himmel erst einmal grau, der Wind wird immer wärmer und erreicht Sturmstärke. Trotzdem sind die Mücken aktiv und erstaunlich aggressiv, als wüssten sie, dass der arktische Sommer bald zu Ende geht. Beim Abstieg ins Klosterdalen haben wir dann das erste Mal freien Blick auf die glatten Granitwände von Ketil und seinen Trabanten, doch bald stecken wir im 2-3m hohen Buschwerk. Zu spät packe ich die Trekkingstöcke auf den Rucksack, eines der unteren Segmente ist irgendwo stecken geblieben. Ich laufe zurück, doch bereits nach zehn Metern gelingt es mir nicht mehr, unseren Weg durch das Gesträuch zurück zu verfolgen. Im Talgrund versuchen wir es durchs Moor, aber nach dem Regen steht hier alles tief unter Wasser. Tief im Busch wühlend verpassen wir erstmal die Lichtung mit den Klostermauern und stranden auf einer Sandbank am Tasermiutfjord. Wir laufen zurück zum Taleingang, der angeschwollene Fluss stürzt in Kaskaden in den Fjord, hier wäre es aktuell unmöglich ihn zu furten. Doch zwischen den Sandbänken im Fjord könnte dies bei Ebbe gelingen, wir notieren Wasserstände und Zeiten, nach Süden und zurück zu Siedlungen geht es nur über dieses Hindernis.
Ketils Trabanten
Gletscher auf Granit, Klosterdalen
Klosterdalen
Tasermiutsiaat - Uiluiit - Sermeq
Tasermiutsiaat - Uiluiit Kuua - Sermeq
Klosterruine Klosterdalen
14) Mit ein bisschen Suchen finden wir die Mauerreste des Normannen-Klosters. Eine Vorstellung, wie hier gelebt worden sein könnte, entsteht bei uns nicht, anders als am Startpunkt Herjolfsnes. Das liegt weniger daran, dass es nur wenige Steine sind, als an der kompletten Abwesenheit jeglicher heutiger Zivilisation. Zu weit entfernt sind Siedlungen, Farmen und Boote. Außer einer Feuerstelle und von ihr 15m Pfad zum Strand gibt es hier nichts, nicht einmal Müll oder Treibgut, kein Jagd- oder Klettercamp, wir sind allein. Aber wunderschön ist es, auch im einsetzenden Nieselregen: Blumenwiesen und Strandhafer umrahmen Sandstrände, zwischen den bei Ebbe freigelegten Felsen suchen Polarfüchse im Blasentang nach Nahrung. Ganze Abfallhalden mit Miesmuschelschalen verraten ihre bevorzugte Speise. Der 2000m hohe Ketil drängt sich in jedes Foto, er ist einer der höchsten monolithischen Berge weltweit. Im Norden fällt das Inlandeis in einem gewaltigen Abbruch aus 1400m Höhe hinab in den Fjord. Dieser Eisfall zieht uns an, wir überlegen, dorthin noch eine Runde zu drehen. Ganz bis nach Tasiusaq schaffen wir es dann wohl nicht mehr. Das Satellitentelefon wird aus den Tiefen des Rucksackes hervorgekramt, wir telefonieren mit Niels in Nanortalik. Ja, er kann uns auch irgendwo im Fjord abholen, und das Wetter wird gut in den nächsten Tagen. Heute erkunden wir erst einmal den Weg nach Norden. Der Fluss im nächsten Seitental Tiningnertooq ist durch das Kiesdelta in mehrere Arme geteilt, die Furt so zwar lang aber ungefährlich. Abends krabbeln wir im Nieselregen noch einmal über die Felsen am Fjord und verlegen unser Lager in dieses Tal. Im Treibgut findet Susanne einen Besenstiel, nach einiger Schnitzarbeit ersetzt er das verlorene Segment meines Trekkingstockes. Das harte Holz gab guten Halt auch auf glatten Steinen und hat bis zum Schluss der Reise jeden Schritt begleitet.
Ketil - Klosterdalen - Uiliuiit Kuua
Ketil - Uiliuiit
Tasermiutfjord - Uiluiit
15) Früh klingelt der Wecker und im ersten Licht brechen wir auf. Wir müssen die Ebbe nutzen, um auf den Uferfelsen entlang der steilen Fjordwände nach Norden zu gelangen. Die Sonne vertreibt Nebel und Wolken, es verspricht ein fantastischer Tag zu werden. Immer den Eisfall des Sermeqs im Blick kommen wir trotz des nicht ganz einfachen Geländes zügig voran. Von Osten schiebt sich ein weiterer Gletscher in den Fjord, der Sermitsiaq. Längst erreicht er nicht mehr den Talgrund und hat einen großen See zurückgelassen, der das letzte Stück Weg nach Norden versperrt. Hier werden wir Zeuge eines grandiosen Schauspiels: Mit kräftigen Stromschnellen strömt die Flut in diesen See, der auch hier mächtig geschwollene Gletscherfluss hat keine Chance dagegen anzukommen, er scheint nicht existent. Wir machen Pause bis sich die Strömung umdreht, nach nur einem minimalen Moment der Ruhe schießt das Seewasser wieder hinaus in den Fjord. Für uns geht es nun hinauf in die Berge. Überraschend stoßen wir auf einen kleinen Pfad, ausgerechnet hier, so weit weg von jeder Siedlung - nach zwei Wochen in weglosen Terrain eine kleine Sensation. Jagdausflüge über das Inlandeis an die Ostküste und mehrere Expeditionen, die hier zur Längsquerung auf die Eiskappe gestiegen sind, haben ihn entstehen lassen. Doch bald verliert er sich, und abends steht unser einsames Zelt einmal mehr am Fuß gigantischer Granitwände und -türme.
Tasermiutfjord - Sermeq
Sermeq
Sermitsiaq
16) Von denen sehen wir dann morgens nichts, Morgennebel sind von der weit entfernten Küste bis hier herauf gezogen. Nur mühsam kommen wir durch kompliziertes Moränengelände voran, bis wir ein schmales Firnband erreichen. Dem können wir mit Steigeisen folgen, am Pass hat sich der Firn jedoch zurückgezogen und brüchige Felsen zurückgelassen. Nach einigen Aufräumarbeiten können wir dennoch in eine kleine Scharte klettern. Pünktlich vertreibt die Sonne den Nebel, die spektakulären Türme der Tininnertuup-Gruppe stehen plötzlich frei, und wir wissen, dass wir den richtigen Übergang gefunden haben. Der Fels Richtung Süden ist fest, doch bald machen riesige Blöcke immer wieder Umwege und Zurücksteigen erforderlich. Sehr steil die Moräne hinunter erreichen wir schließlich den Talgrund. Eine halbe Stunde leichtes Gehen auf festem Boden, dann können wir erneut den Fortschritt der Vegetation in Grönland bewundern. Inzwischen gibt es Wald nicht mehr nur im Quinnguadalen, auch hier im oberen Tiningnertooq stehen die Bäume viele Meter hoch, undurchdringlicher denn je, über scharfkantigem Blockwerk. Erst im letzten Licht erreichen wir den Fjord und unseren Zeltplatz von vor zwei Tagen.
Tininnertuup
Tiningnertooq
Tiningnertooq
17) Wieder klingelt der Wecker früh, wir brauchen Ebbe zur Furt des Klosterdalen-Flusses. Als wir dort ankommen, ist von der Sandbank kaum etwas zu sehen, die Wasserlinie im Fjord steigt bereits und der Fluss ist kaum abgeschwollen. Haben wir uns verrechnet oder eine Nipptide erwischt? Egal, wir müssen da jetzt durch. Die Tiefe des durch Sedimente trüben Wassers ist nicht erkennbar, aber die Strömung hält sich in Grenzen. Schon nach wenigen Schritten sinken die Füße im Schlick noch tiefer ein, der Rucksack hängt schon satt im Wasser, zurück macht aber auch keinen Sinn. Also weiter hinein und unfreiwillige Intimwäsche im Eiswasser. Wir erreichen die andere Seite und folgen dem Fjord nach Süden, anfangs noch über Uferblöcke kletternd, bald aber in mühsamen bushwhacking. Plötzlich Bewegung auf dem Fjord, eine große Robbenschule mit über 50 Tieren ist aufgetaucht, kurz wird geatmet, dann wechseln sie die Richtung. Nach wenigen Minuten sind sie wieder an der Oberfläche und peitschen mit unglaublicher Dynamik durch das Wasser. Wir halten sie für große Delphine, erst auf den Fotos erkennen wir sie als Robben. Beim Seitental Nulamertorsuaq finden wir dann plötzlich Pfade, mehrere Zelte von Kletterern und das feste Lager der Schule von Nanortalik. Es gibt eine Brücke, Kochstellen und Vorratskammern. Niemand ist hier, aber dieser kleine Außenposten der Zivilisation erscheint uns der richtige Ort, diese Tour zu beenden. Die Kulisse ist nicht wenig spektakulär, 2000m hohe Granitberge locken Bigwall-Kletterer aus aller Welt hierher. Ein paar Tage später gab es eine große Rettungsaktion, ganz oben auf einem Turm hatten Kletterer ihre Seile in die Tiefe fallen lassen, ein schwerer Hubschrauber musste zur Bergung aus 600km Entfernung anfliegen.
Ulamertorsuaq
Ulamertorsuaq
Nulamersortoq
Nulamersortoq
Kirkespiret
18) Ein Wetterwechsel kündigt sich an, der Wind frischt auf. Deshalb sollen wir schon früh morgens abgeholt werden, bald wird es stürmen. Weit draußen, im Schutz der gegenüberliegenden Berge, fährt ein rotes Schnellboot an uns vorbei den Fjord hinauf. Unser Winken nutzt nichts, es ist ein falscher Abhol-Ort übermittelt worden. Auch die Kommunikation per Satellitentelefon mit Knattern und Verzögerung will gelernt sein. Doch nach einer Stunde Warten auf der Kiesbank hat uns Malik gefunden. Durch die Frontluke krabbeln wir an Bord und bald verschwinden die großen Berge und das Inlandeis hinter uns. An der Fjordmündung schiebt uns der Wind große Wellen entgegen, der Schafsfarmer Malik kann zeigen, dass er mit Booten aufgewachsen ist und jede Schäre hier kennt. Perfekt steuert er das Boot durch die Eisberge, reitet sanft die Wellen ab und nutzt jede Deckung, die das Ufer bietet.
Tasermiutfjord - Ketil - Ulamertorsuaq

2. Die Städte: Nanortalik und Qaqortoq

In Nanortalik haben es dann alle ganz eilig: Die Viertelfinale der grönländischen Fußballmeisterschaft werden übertragen, Maliks Freunde sind dabei. Niels bringt uns aber noch zum Youth Hostel, ein kleines Holzhäuschen direkt am Wasser, auf einer grünen Wiese inmitten eines gelben Hahnenfussmeeres. Wir schlafen im Zelt, können uns aber innen aufhalten, Küche und Bad nutzen. Um uns weitere historische Holzhäuser, sie beherbergen ein äußerst sehenswertes Freilicht-Museum, in dem die Besiedlungsgeschichte der Region umfangreich aufgearbeitet wird. Aktuell merkt man der Provinzhauptstadt mit ungefähr 1400 Einwohnern schon an, dass die Menschen hier auf dem Rückzug sind, besonders die Arbeitsmöglichkeiten durch Fischfang werden immer weniger. Doch mit Schulzentrum, Krankenhaus, Supermärkten und Handwerkern ist Nanortalik Bezugspunkt für die wenigen Dörfer an der dünn besiedelten Südspitze Grönlands. Der pensionierte Lehrer Niels betreibt privat den Nanortalik Tourism Service, rührend betreut er Trekker, Kreuzfahrttouristen, Kletterer, Kajaker und Schulklassen.

Nanortalik
Nanortalik
Nanortalik
Nanortalik
Foto
Dramatische Föhnwolken ziehen auf, und einen ganzen Tag fegt ablandiger Wind vom Inlandeis herunter, gefolgt von friedlichem Nieselregen, der gar nicht schlecht zu dieser Stadt und unserem Erholungsbedürfnis passt.
Nanortalik
Nanortalik
Mit dem Linien-Helikopter schweben wir nach Qaqortoq, mit 3100 Einwohnern größte Stadt des Südens, Schul- und Ausbildungszentrum. Ein deutlich lebhafteres und charmantes Städtchen, im kolonialen Ortskern um den Hafen flanieren alle Generationen. Von den steilen Granitkuppen schauen schmucke Villen mit richtigen Gärten herunter, aber auch triste Plattenbauten sind unübersehbar. Die haben aber freie Sicht auf den Fußballplatz, wir kommen pünktlich zum Halbfinale der schon erwähnten Meisterschaft. (Hier mehr zum Fußball auf Grönland: Fussball anderswo)
Qaortoq
Qaortoq
Qaortoq
Qaortoq

3. Schafe und seltene Erden: Igaliku und Motzfeldt Sø

1) Diesmal mit Boot fahren wir den Eriksfjord hinauf. Jackies Touristikunternehmen Blue Ice hat sich dem Schiffsverkehr ab dem Flughafen Narsarsuaq angenommen. Wir steigen am Anleger Itilleq aus und wandern gemütlich auf dem „Königsweg“. Die Traktorstraße führt durch saftig-grüne Heuwiesen, auch das Getreide ist jetzt, Ende August, immer noch grün. Wären nicht die Eisberge auf dem Fjord, würde alles nach Frühling am Mittelmeer aussehen.
Eriks Fjord - Tunulliarfik
Vorbei an Farmen und weißen Heuballen erreichen wir Igaliku. Die Wikinger hatten hier ihren Bischofssitz Gardar, deren Kirchenruine diente als Steinbruch zum Hausbau, als sich im 18. Jahrhundert ein Norweger hier niederließ und wieder mit Schafzucht begann. 1926 wurde mit dem lebendigen rotem Sandstein eine neue Kirche gebaut. Die grönländische Wirtschaft erlebte im und nach dem 1. Weltkrieg eine kleine Blütezeit, da vor allem Nahrungsmittel nach Europa exportiert werden konnten. Aus der Schafzucht wurde erst ab dieser Zeit eine Existenzgrundlage für viele Höfe, nachdem dafür eine Schule eingerichtet und ein Förderprogramm aufgelegt wurde. Igaliku ist heute eine kleine Streusiedlung mit auch touristischem Charakter. Aber die Saison neigt sich bereits dem Ende, im kleinen Hotel sind keine Gäste mehr. Eine abgeerntete Wiese ist zum Fußballspielen frei gegeben, sonst sind die Heuwiesen sorgsam eingezäunt, die Schafe haben auf ihnen nichts verloren, denn im Winter wird jeder Halm gebraucht.
Tatsip Kitaa
Igaliku, Kirche
Igaliku, Kirche
2) Auf den zahlreichen Schafspfaden läuft es sich fantastisch, für uns ein richtiger Genuss. Schnell lassen wir das liebliche Igaliku hinter uns, schon nach einem Tagesmarsch sind wir wieder fernab jeder Zivilisation. Im wüstenartigen Hochtal Qoororsuaq wird deutlich, wie mühsam diese Idylle der herben arktischen Natur abgerungen werden musste. In der gewaltigen Kiesebene behaupten sich nur ganz vereinzelt zarte Blumen. Phänomenal der türkisene See in der Talmitte, er fungiert als Wasserscheide und hat Abflüsse nach Süden und Norden. Wir steigen ab in ein großes Flusstal, reißende Ströme Gletscherwasser durchziehen die Kiesbänke. Gegenüber blökt ein einsames Schaf, wie mag es nur dorthin gekommen sein, durch die Flüsse, über Gletscher? Wird es bald einen Weg zurück finden? Schafspfade finden sich weiterhin, doch wir sehen nur vereinzelt Tiere in Kleinstgruppen die sich schnell verziehen. Sie finden hier nur karge Kräuter wie den arktischen Thymian, ihr Fleisch ist dadurch eine ausgesprochene Delikatesse, selbst isländische Hochlandschafe können da nicht mithalten.
Qoororsuaq
3) Nachts kommt plötzlich Sturm auf, das Tal wirkt wie eine Düse und in den runden Kieseln ist das Zelt nur behelfsmäßig verankert. Früh brechen wir auf, kämpfen uns gegen Wind und Regenschauer weiter nach Osten. Als sich das Tal öffnet, die großen Gletscher und der Motzfeldt-See sichtbar werden, finden wir auch einen geschützten Platz für unser Zelt. Hier wollen wir ein bisschen bleiben und versuchen, über die Gletscher den einen oder anderen Gipfel und vor allem den See zu erreichen.
Qooqqup Kuua
Motzfeldt-See - Gletscher
4) Doch davor liegen erst einmal die Flüsse. Aus zwei Gletschern und dem See quillt trübes, sedimenthaltiges Wasser, die Tiefe lässt sich nicht erkennen und die Strömung ist viel zu reißend. Nur im kleinsten der Flüsse gibt es eine etwas ruhigere Stelle, aber diese Furt wird dann doch hüfttief. Immerhin können wir so den Gletscher erreichen. Der steht eingepackt in gefährliche Schlammlöcher und Seen aus dem eigenen Schmelzwasser, doch wir finden einen Durchschlupf auf das Eis. Das ist komplett aper, die Spalten sind rund geschmolzen. Mit einigem auf und ab queren wir den Gletscher und überschreiten auf ihm den Fluss, der ganz an der Seite aus dem Eis quillt. Zwischen der steilen Moräne und dem reißendem Wasser klettern wir über Felsplatten und rund geschliffene Murmeln, groß wie Kleinwagen. Und schließlich liegt der Motzfeldt-See vor uns: Zwei große Gletscher enden hier und schieben Eisberge in das blaue Wasser, die Steilhänge rundum sind intensiv rötlich gefärbt. Dieser magische Ort ist schon seit langem im Visier von kommerziellen Interessen, Metalle und seltene Erden wurden entdeckt. Doch der schwierige Zugang in einem sich ständig verändernden Gelände verhinderte bislang einen Abbau. Grönland hatte ja große Hoffnung, seine Unabhängigkeit mit der Gewinnung von Bodenschätzen finanzieren zu können. Doch aktuell liegen fast alle Minenprojekte auf Eis. Ganz in der Nähe, bei der Stadt Narsaq, könnten seltene Erden relativ einfach gefördert werden. Dieses Projekt Kvanefjeld ist heftig umstritten, Uran würde als Abfallprodukt anfallen, die Mine könnte nur mit einigen tausend Billiglohnarbeitern aus China realisiert werden. Und so scheinen letzten Endes die Unabhängigkeitsbestrebungen die Identität Grönlands und die noch vorhandene Inuit-Kultur zu gefährden. Hier an den Ufern des Motzfeldt-Sees werden erst einmal nur die Spuren, die die Bodenkundler mit ihren eingeflogenen Quads in die Kiesbänke gefräst haben, von diesem Konflikt zeugen.
Motzfeldt-See
Motzfeldt-See
Motzfeldt-See
5) Einen zweiten Tag verbringen wir auf dem Gletscher, heute wollen wir der Länge nach einige Kilometer zügig zurücklegen und einen Berg besteigen. Doch die Spalten werden immer tiefer, wir müssen viele Umwege laufen. Die Oberfläche des Eises ist nicht plan, sondern zu Millionen Eiswürfeln zerborsten, sobald es steiler wird, bekommen wir mit unseren Trekking-Steigeisen und nur einem Pickel für beide nur langsam voran. Wir brechen ab, auf dem Rückweg gibt es zum vierten Mal Intimwäsche bei der Furt des Flusses. Nachmittags steigen wir noch am Berg über unserem Lagerplatz hinauf, haben fantastische Aussicht auf die ganze Szenerie, bis uns Regenschauer wieder ins Zelt zurücktreiben.
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6) Unsere Zeit neigt sich dem Ende, im Regen laufen wir zum langen Strom des Jespersen Bræ. Vor dem Betreten des Eises versinke ich fast im Schlamm, nur mühsam bekomme ich die Füße aus dem zähen Schlick, den der zurückweichende Gletscher hinterlässt. Auf dem Eis geht es heute flott voran, ohne Spalten führt uns eine Autobahn aus Crush-Eis 10km nach Süden. Beim Verlassen des Gletschers müssen wir sehr auf Treibsand achten, doch schon mittags erreichen wir im Jespersen Dal wieder lieblichere Landschaft. Eine Schäferhütte steht hier, bald werden die Farmer aufbrechen, ihre Tiere in den Bergen suchen und diese Hütte als Unterschlupf nutzen. Ein wenig weiter hat Blueice einen Wohncontainer aufgestellt, er soll geführten Touren als Unterkunft dienen, steht aber für alle offen. Es ist trocken geworden und auch die Sonne lässt sich mal wieder sehen. Doch angesichts der frisch verschneiten Berge verkneifen wir uns einen Gipfel-Abstecher. Stattdessen erreichen wir spät am Abend durch einen eindrucksvollen Canon den Igaliku-Fjord. Ein Schneehase ist lange zögerlich, was er von den ungewohnten Gästen halten soll. Sein Fell ist weiß geblieben, jetzt im Grünen ziemlich auffällig, aber schon bald wird es wieder der Tarnung dienen.
Jespersen Bre
Jespersen Dal
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7) Angenehme Schafssteige führen uns am Fjord nach Iterlak, diese Farm wurde vor kurzem aufgegeben, das zurückgelassene Gerät vermittelt einen trostlosen Eindruck. Und schon hat sich die Natur das mühsam abgerungene Gelände zurückgeholt, der Traktorweg ist zerstört, Bäche haben Schotter auf die Heuwiesen gespült. Lange kreisen zwei riesige Grönland-Adler über uns, einige Zeit wurden sie als eigene Spezies geführt, inzwischen jedoch den europäischen Seeadlern zugeordnet. Wie es wohl unserem Hasen von gestern geht? Auf dem Weiterweg nach Igaliku treffen wir sogar Kühe, aber im Dorfladen gilt unser Interesse dann doch wieder den Schafen - ihr Fleisch ist nur in gefrorener Form zu bekommen.
Igaliku
Zum Abschied vertreibt frischer Wind die letzten Wolken, in ausgiebigen Spaziergängen genießen wir noch einmal die Umgebung von Igaliku. Abends bricht unter den Einwohnern ein Konflikt auf, hektisch fahren Autos auf den wenigen Kilometern Schotterweg, nachts blockiert dann ein Traktor die Straße. Doch als wir am morgen auf dem Kongevejen zum Anleger laufen, ist alles friedlich. Auf grünen Wiesen liegen weiße Heuballen, im Fjord treiben intensiv blaue Eisberge. Und mit Jackies rotem Kutter „Puttut“ tuckern wir langsam zum Rückflug nach Island.
Uummannarttsiivaraq
Itilleq, Eriks Fjord - Tunulliarfik
Eriks Fjord - Tunulliarfik

© Text und Fotos: Tilmann Graner


Karten - mit Routen-Skizzen (keine GPS-tracks!)
© google maps
Herjolfsnes-Tasermiut
Igaliku-Motzfeldt


Routenbeschreibungen
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weitere Fotos in der Galerie "Grönland"
Bericht Ostgrönland: "Kaarali"
Bericht Westgrönland: "Trekking zwischen Eisbergen"

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